Murmeljagd

Ein Projekt zu einem Roman von Ulrich Becher

Eva Menasse

Ulrich Bechers "Murmeljagd" war eines der größten Leseerlebnisse meines Lebens. Das mag Zufall sein, weil Bücher einen in bestimmten Lebenslagen mehr "erwischen" als sie es in anderen gekonnt hätten, und es mag perfektere Romane geben als dieses Buch. Doch meine erste Lektüre werde ich nie vergessen. Ich war neunzehn, und Ulrich Becher hat mir buchstäblich den Schlaf geraubt. Ich lag nachts wach, verbot mir aber, weiterzulesen, denn die Faszination sollte kein Ende nehmen, dieses Buch sollte niemals aufhören.
Ich war in den ramponierten Trebla verliebt, ich wollte so schön und fragil wie Xane sein. Ich Hundephobikerin wünschte mir heftig einen schwarzen Spaniel mit "Allongeperückenohren". Ich bangte um das Leben des "Avvoccato Wauwau" – dass es bei seinem Alkoholkonsum kein gutes Ende nehmen würde, schien mir von Anfang an klar.
Und trotz aller Identifikationsversuche, die für junge Leser so typisch sind, ist mir schon damals die politische Wucht des Romans nicht entgangen, Bechers Erzählen aus dem bedrohlich stillen Auge des Orkans. Wie winzig und verwundbar war doch die Schweiz, umgeben vom mörderischen Faschismus! Trebla, im pittoresken Pontresina, war in Sicherheit und saß doch in der Falle. Denn Sicherheit hat auch einen quälenden Aspekt: Wer endlich nicht mehr rennen muss, wer Luft holen kann, hat mehr seelische Angriffsfläche für die entsetzlichen Nachrichten aus der Heimat. Da kann einer schon paranoid werden. Und auch diese Ohnmacht des Flüchtlings, der im Trockenen sitzt und sich schämt, nichts tun, niemandem helfen zu können - all das verspürt, wer dieses Buch liest, am eigenen Leib. So etwas können nur Bücher, das kann kein Film.
Ich habe die "Murmeljad" seither viele Male wiedergelesen und immer Neues entdeckt. Es bleibt ein gewaltiges, wuchtiges Buch, in dem wieder ein Hauptsatz der Literatur bewiesen wird: Das tiefste Erschrecken liegt, wenn überhaupt, ganz dicht neben dem Lachen. Nur wer, wie Becher, der Katastrophe noch ihre Grotesken abzulauschen versteht, vermag den Leser wahrhaft zu erschüttern. Vielleicht führt nun Ulrich Bechers hundertster Geburtstag endlich dazu, dass dieser Roman gebührend wiederentdeckt wird. Dazu ist jedes Mittel recht, auch zufällige Zahlenmagie.
(Eva Menasse, Schriftstellerin 2009)

 

Alfred Stary

Anlässlich des 100. Geburtstages von Ulrich Becher machte der Schöffling-Verlag das Opus magnum des Autors, den 700-Seiten-Roman "Murmeljagd", wieder zugänglich, ein Generationen und Länder übergreifendes, pralles, vielschichtiges Werk von zeitloser Qualität, das nicht nur des brisanten Inhalts wegen aufwühlt, sondern auch formal ungemein lebendig und modern auftritt. Trotzdem geht der junge und ambitionierte Verlag mit dieser Neuauflage ein nicht geringes Wagnis ein. Was früher als unternehmerische Tugend galt, ist ja in Zeiten erbarmungsloser Verdrängungskämpfe auf dem Buchmarkt zur Ausnahmeerscheinung geworden, der man mithin nur Respekt zollen kann. Ob das Buch heute seine Leser findet, ist angesichts der tiefen Vergessenheit, in die Becher und sein Werk versunken sind, leider fraglich, so wünschens- und lohnenswert eine Wiederentdeckung zweifellos ist.


Als "Uli" Becher 1969 nach elfjähriger Arbeit - Vorarbeiten reichen sogar zurück bis in die 1940er-Jahre - diesen Roman bei Rowohlt herausbrachte, wurde er zwar von Seiten der Kritik durchaus zustimmend aufgenommen, auch ins Französische und 1977 ins Englische übersetzt, aber einen Verkaufserfolg konnte er damit nicht erzielen. Die Thematik war einfach nicht mehr chic, die eigenwillige Erzählweise stand quer zu allen literarischen Strömungen. Die lesende Öffentlichkeit interessierte sich für die "Gruppe 47" und Handkes werbewirksame Publikums- und Kollegenbeschimpfung, sofern sie nicht restaurativ gewissen erdigen, nun wieder christlichen Autoren die Treue bis in den Tod hielt. Emigranten, insbesondere solche der jungen Generation, die bei der NS-Machtübernahme am Beginn ihrer Karriere gestanden und noch nicht über einen großen Namen verfügt hatten, wurden auf leise Art abermals zu "Vertriebenen". Man wollte vorwärts blicken und fand es an der Zeit, mit zunehmendem Wohlstand auch die Trümmerliteratur zu entsorgen. Die sehr realistische Nazi-Vergangenheit und Exilproblematik wurde zugunsten einer Ästhetik-Debatte über die Erzählbarkeit der Welt ins Abseits gedrängt. Becher, ein unverdrossen "realistischer" Erzähler, Jargon-Schnüffler, Stimmungs- und Figuren-Schnellzeichner, eine schreibende Kamera und ein verblüffender Stimmenimitator (wie der mit ihm eng befreundete Helmut Qualtinger), saß wieder einmal zwischen allen Stühlen.


Stilistisch zwischen Expressionismus, Hemingway und Dos Passos, als Angehöriger einer Zwischengeneration, als Mehrfachtalent (er war Zeichen-Schüler von George Grosz, spielte mehrere Instrumente und verfügte über ein absolutes Gehör), politisch links und parteilos (zwischen Urchristentum, Kommunismus und Anarchie pendelnd), gehörte er während und nach der Emigration nirgends richtig dazu. Er war immer auf dem Sprung. Jahrzehnte nach dem Krieg lebte er im friedlichen Basel, der Stadt zwischen Schweiz, Deutschland und Frankreich, in provisorischen Unterkünften mit griffbereiten Koffern. Im Ineinander von Vorläufigkeit und Nachträglichkeit war und blieb er heimatlos zu Hause, das Zwischen war sein Ort.


Geboren 1910 in Berlin, aufgewachsen in großbürgerlichen Verhältnissen, der Vater ein einflussreicher Anwalt, traf er im Salon der kunstsinnigen Mutter, einer Schweizer Pianistin, auf Prominenz aller Art, während der den Jungen stark prägende Großvater, ein Abenteurer und Sozialist, den Jungen in die Fabriken und Arbeitersiedlungen mitnahm. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verließ er Deutschland und wurde durch Heirat Österreicher. Sein Schwiegervater war der überaus populäre k. u. k. Kabarettist und Erfolgsschriftsteller Alexander Roda Roda, dem Becher mit der Figur des Konstantin Giaxa in der "Murmeljagd" ein Denkmal setzte. Knapp vor dem Einmarsch der Hitler-Truppen in Österreich folgte das junge Paar den Eltern in die Schweiz. Obwohl Ulrich Becher mütterlicherseits halber Eidgenosse war, wurde er als Flüchtling betrachtet und musste das Land 1941 verlassen. Auf abenteuerliche Weise verschlug es ihn für drei Jahre nach Brasilien. Hier schrieb er Gedichte und Artikel für Emigrantenzeitschriften, bis endlich das Visum zur Einreise in die USA eintraf. 1948 kam er aus New York nach Wien zurück, wo mit großem Erfolg seine mit dem Schauspieler Peter Preses in den Vereinigten Staaten von Amerika geschriebene tragische Posse "Der Bockerer" uraufgeführt wurde. Becher etablierte sich in den folgenden zehn Jahren als gefragter Theaterautor, doch ein eklatanter Flop trug dazu bei, dass er sich wieder der Prosa zuwandte und das lange aufgeschobene Romanprojekt in Angriff nahm.


Zum Inhalt: Trebla, altösterreichischer Aristokrat, ein Letzter in langer Linie wie Joseph Roths Trotta, im Ersten Weltkrieg Kampfflieger, während des Austrofaschismus überzeugter Sozialist, entkommt der "Gleichschaltung" der Ostmark durch eine tollkühne Flucht auf Skiern über die Silvretta in die Schweiz. Seine Frau Xane, die mit der befreundeten Schauspielerin Pola Polari und deren holländischem Ehemann Joop ten Breukaa, einem ebenso reichen wie langweiligen Kunstsammler, mit dem Zug gerade noch rechtzeitig ausgereist ist, erwartet ihn hier. Sie nehmen ein sehr bescheidenes Quartier in Pontresina, während die Ten Breukaas in der eigenen Villa residieren, wo man sich trifft, streitet, Mut zuspricht und zu Ausflügen aufbricht, anfangs ganz in der Manier unbeschwerter Feriengäste. Diese vier Wochen "Kur" im Oberengadin bilden den Erzählrahmen, der von Rückblenden und Parallelmontagen aufgebrochen wird, die ihrerseits 40 Jahre umfassen.


Doch etwas ist faul im Staate, die Idylle der neutralen Schweiz wird zunehmend unheimlich, ja, feindlich. Mag sein, dass die Nachrichten von ermordeten Freunden, von Nazi-Gräueln, von Transporten und Konzentrationslagern, dazu Treblas Erinnerungen an die eigenen traumatischen Kriegserlebnisse, die eintreffenden Berichte vom Spanischen Bürgerkrieg und schließlich der Tod von Xanes Vater zu einer anwachsenden Paranoia führen. Liegt die Gefahr nur im Auge des Betrachters? Eine Serie seltsamer Unfälle macht auch hier, in der Sicherheit des Exils, den Tod allgegenwärtig. Der Anwalt Gaudenz de Colana und der Druckereibesitzer Zarli Zuan ertrinken. War es Mord, Unfall oder Selbstmord? Ein Soldat erschießt sich, nachdem er beinahe einen Vorgesetzten getötet hat. Ein zurückliegender Jagdunfall, bei dem der Wirt Men Clavadetscher die Hände im Spiel hat, sorgt zusätzlich für Verunsicherung. Zwei blonde Österreicher scheinen auf Trebla angesetzt zu sein, um ihn zu liquidieren. Es gilt, ihnen zuvorzukommen und sich vom Gejagten zum Jäger zu wandeln.


Der Name des Ich-Erzählers der "Murmeljagd" ist selbst Sinnbild für dieses - fast - undurchdringliche Ineinander von Wahn und Wirklichkeit, in das der Exilant ohne gültige Papiere gerät: Albert Trebla ist ein Palindrom, ein und dasselbe Wort, einmal richtig, einmal verkehrt herum gelesen. Das verweist auf die zentralen Fragen des Romans: Wie verlässlich sind unsere Sehweisen der Wirklichkeit? Wo gibt es Sicherheit, wo kann man sich verstecken, darf man seinem Gefühl noch trauen? Es geht dem Protagonisten wie den Murmeltieren, die ständig aufhorchen, um beim leisesten Anzeichen einer Gefahr in Deckung zu gehen:
"Ich wurde gejagt. Nicht wissend, von wem. [...] Ich war ein unseliges einsames unbewehrtes abgehetztes Murmelmenschlein, allein und elend auf weiter Flur, allein mit meinem wesenlosen Verfolger." [S. 156f.]


Becher verzichtet hier auf Kommata zwischen den Attributen nicht etwa zufällig. Er setzt seine Zeichen sehr überlegt. Es geht ihm dabei nicht um eine Aneinanderreihung von Synonymen, die austauschbar sind, vielmehr will er ein Viereck von Befindlichkeiten skizzieren, die das "Murmelmenschlein" unentrinnbar umzäunen. Immer greift diese Prosa aus, tastet die Erfahrungsräume des Bildnerischen, Dramatischen, Musikalischen, Filmischen ab nach erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten fürs Schreiben. Keineswegs handelt es sich bei Becher um einen Nachzügler, wie Teile der zeitgenössischen Kritik vermutet haben. Seine ästhetische Eigenwilligkeit hat von sich aus und bis heute Bestand. Vieles erscheint nachgerade als Vorgriff auf postmoderne Gestaltungsweisen.


Das Riesenrad auf dem Schutzumschlag dieser auch wegen ihrer Augenfreundlichkeit einzigartigen Neuauflage ist sehr passend gewählt, denn der Wiener Prater ist eines der Zentralmotive des Romans. Zwei der fünf Bücher, aus denen sich die "Murmeljagd" zusammensetzt, führen die "Geisterbahn" im Titel an. Sie ist das Sinnbild für das Lebensgefühl der Exilierten. Angetrieben von unsichtbaren Kräften, unterwegs auf Schienen der Bürokratie, wartet an jeder Ecke ein neuer Schrecken. Geister der Vergangenheit und der Horror der Gegenwart verfinstern die Welt. Jedes Entkommen ist vorläufig. Der lärmende Prater mit seinem falschen Glitzer, mit Schießbudenfiguren allerorts, mit der Ausweglosigkeit im Spiegelkabinett, wo Grauen dem lächerlichen Kasperltheater folgt, macht augenfällig, womit das "Zeitalter der Illusionsfabrikanten" grausam ernst macht und jede Erfahrungswirklichkeit zum "Kaffee Hag" werden lässt, "Kaffee, in dem kein Kaffee drin ist, der aber schmeckt wie Kaffee". [S. 303]


Bechers unbändiges, farbenfrohes Ja zum Leben, allem Rauch und Nebel zum Trotz, seine militante Wut gegen alles Totmachende (die Atombombe erschien ihm als Fortentwicklung der Hitlerei) dürfte mit dazu beigetragen haben, dass er sich sowohl in seinen Theaterstücken wie auch in der Prosa und besonders in der "Murmeljagd" nicht gerade als ein Meister im Gestalten des Schlusses erwies. Viele retardierende Momente halten gegen Ende des Buches den neugierigen Leser, der längst schon mehr weiß als der Erzähler, über Gebühr hin. So gekonnt Ulrich Becher mit dem Genre des Kriminal- und Schauerromans auch spielt, hier, im völligen Mangel des Killerinstinkts gegenüber seiner eigenen Schöpfung, zeigt sich, dass er auch den Erfordernissen der Kunst nicht alles opfern wollte. Ohne es auszusprechen, lobte er unablässig das Leben. Bei aller gebotenen Unsentimentalität, Trauer, Auflehnung sah er die Welt mit den glücklichen Augen des Vitalisten.


Aber wer Leben und Bücher nicht vom Ende her legitimiert, der spürt in der "Murmeljagd" eine unvergessliche Jugendlichkeit und eine packende Erzählkraft - und lebt mit.
(Alfred Stary; 11/2010; Erstveröffentlichung unter www.sandammeer.at)